Arbeit und Arbeitslosigkeit 💼
- Nora Klammt
- 18. Mai 2024
- 5 Min. Lesezeit
Soweit ich das in meiner Zeit hier bis jetzt wahrgenommen habe, hat Arbeit in Tansania einen anderen Stellenwert als für uns in Deutschland. So wie ich das wahrnehme wird so viel gearbeitet, bis man genug Geld zum Überleben hat, also um seine Grundbedürfnisse abzudecken, aber mehr auch nicht. Das ist natürlich nicht bei allen Menschen hier so, aber ich glaube ich spreche schon für den Großteil der Menschen, wenn ich sage, dass Arbeit wichtig ist, aber auch nicht überbewertet wird.
Auf mich wirkt es auch so als würde für viele die reine Anwesenheit am Arbeitsplatz schon als Arbeit zählen und es ist vollkommen normal, dass man die Mittagspause mit in die Arbeitszeit einrechnet. Schließlich war man ja am Arbeitsplatz und nicht zuhause. In der Zeit auf Arbeit ist es dann weniger entscheidend wie diese Zeit ausgefüllt ist. Ich erlebe es oft, dass Dienstleistungen zwar erfüllt werden, aber dass sich damit oft sehr viel Zeit gelassen wird und manchmal habe ich auch den Eindruck, dass etwas nur widerwillig umgesetzt wird. Das hängt aber natürlich auch sehr davon ab wo man ist und was man möchte. In kleinen Lokalen ist es auch häufig so, dass man die Hälfte der auf der Speisekarte aufgelisteten Gerichte garnicht bestellen kann. Es heißt dann immer „imekwisha“ („ausgegangen“) was aber auch bedeuten kann, dass niemand sich dazu bereit erklärt hat etwas bestimmtes vorzubereiten. Diese Gleichgültigkeit der Arbeit führt dann aber auch zu Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit. Daran muss man sich auch erstmal gewöhnen. Gerade wenn man aus Deutschland kommt und gewohnt ist, dass alles zuverlässig und pünktlich passiert muss man sich in Geduld üben. Angenommen man lässt sein Hausdach erneuern sollte man nicht ein Datum festlegen bis zu dem alles fertig sein soll. In 99% der Fälle wird man dann nur enttäuscht. Es ist schwierig so genau zu planen, denn Handwerker kommen und gehen, wenn ihnen danach ist. Regnet es kommt man garnicht erst, ist das Wetter gut bleibt man auch gut und gern einige Stunden. Wird während der Arbeit festgestellt, dass bestimmte Teile oder Geräte noch fehlen wird sich auf den Weg gemacht um diese zu besorgen, was natürlich alles Zeit kostet. Mir hilft oft die Einstellung, dass alles irgendwann schon erledigt sein wird. Nicht, dass ich hier ein Hausdach bauen lassen würde, aber auch schon bei Kleinigkeiten hilft es mir mir immer wieder zu sagen, dass es nicht entscheiden ist wann, sondern dass Dinge gemacht werden. Also ganz nach dem Motto besser spät als nie.
Ich glaube es ist Ansichtssache wie man zu dieser Einstellung steht. Die einen werden sagen die Tansanier seien faul und andere sehen es positiv, da durch diese Einstellung auch weniger Stress entsteht. Und weniger Stress bedeutet auch mehr Lebensqualität. Ich bin ganz oft hin und hergerissen. Auf der einen Seite genieße ich diese Ruhe hier, aber auf der anderen Seite sehne ich manchmal nach ein bisschen mehr Ordnung.
Was auch dafür spricht, dass man nur so viel arbeitet, sodass man von dem Geld über die Runden kommt ist die Tatsache, dass Geld sparen in den meisten Fällen nicht viel Sinn macht. Hat man selbst ein bisschen mehr Geld erwirtschaftet so bleibt einem vermutlich trotzdem aufgrund der Ansprüche der Verwandten nicht viel davon. In Tansania ist es üblich sich immer und überall zu helfen gerade, wenn es um die Familie geht. Das heißt es muss nur einem Familienmitglied schlecht gehen und schon hat man nichts mehr von seinem Ersparten.
Einige Menschen empfinden sogar den Fleiß und Erfolg von anderen als kleine Rebellion. Deswegen kommt es auch oft zu Neid und Eifersucht.
Man muss aber auch sagen, dass es leider auch an hochwertigen Ausbildungen mangelt und viele Leute, die etwas mehr haben dann ins Ausland gehen um bessere Bildungs- und Karrieremöglichkeiten zu haben. Dadurch geht dem Land Tansania aber möglicher Fortschritt verloren und es werden weiße Entwicklungshelfer eingesetzt...
Vorhin habe ich ja schon davon berichtet, dass die Arbeit teilweise nur widerwillig verrichtet und die Reise Anwesenheit auf dem Arbeitsplatz schon als Arbeit gezählt wird. Trotzdem darf man nicht denken, dass alle Tansanier den ganzen Tag nur rumsitzen. Ganz im Gegenteil gibt es auch genügend Menschen, die tagtäglich schwere körperliche Arbeit verrichten. Beispielsweise auf den Feldern, beim Wasser tragen oder sammeln von Holz. Sogar Kinder, Frauen und ältere Menschen sehe ich häufig bei schwerer körperlicher Arbeit.
Neben dem Staat gibt es kaum größere Arbeitgeber. In einigen Fabriken, Hotels und Lodges gibt es feste Arbeitsplätze, doch feste Anstellungen sind auch hier selten. Es ist üblich, dass man saisonal angestellt wird oder einen zeitlich befristeten Aushilfsjob bekommt. Viele Menschen sind deswegen täglich auf der Suche nach kleinen Verdienstmöglichkeiten.
Der Großteil der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft oder im informellen Sektor. Zum informellen Sektor zählen Kleinstgewerbsunternehmen und Selbstständige. Sie zahlen keine Steuern aber bekommen auch keinerlei staatlichen Schutz. In einem älteren Bericht habe ich ja schon erwähnt, dass gefühlt jeder hier sein eigenes „Small Business“ hat. Damit meinte ich die genau diese kleinen Unternehmen. Typisch für sie ist, dass man weder einen Ausbildungsnachweis vorzeigen muss noch, dass festgeschrieben Arbeitsverhältnisse bestehen. Jeder kann ein solch kleines Unternehmen also eröffnen und Mitarbeiter einstellen. Gekennzeichnet ist der Arbeitsalltag dadurch, dass es weder Arbeitszeitregelungen noch einen Mindestlohn noch einen Arbeitsvertrag gibt. Klingt für uns vielleicht absurd ist aber für viele Menschen hier ohne Schulbildung die einzige Möglichkeit zu arbeiten.
Eine richtige Berufsausbildung erhält hier nur die Minderheit. Für gewisse handwerkliche Berufe ist es wichtig einige Grundbegriffe zu lernen, aber ansonsten wird man einfach das was man gerade möchte. Man hat z.B. Geld für einen kleinen Raum und macht einen Friseur auf oder wird einfach Fischer oder oder oder.
Über das Einkommen kann ich nicht großartig was sagen. Ich weiß nur eins und zwar, dass es erschreckend gering ist. So gering, dass es schwierig ist sich damit überhaupt über Wasser zu halten. Von 35 - 100 € im Monat ist alles dabei aber es gibt auch Leute die weniger verdienen oder auch einiges mehr. Gerade in der Tourismusbranche verdient man hier sehr gut. Da das Einkommen oft nicht zum Leben reicht sind viele Tansanier ständig auf der Suche nach kleinen Nebenverdiensten.
Ich könnte noch so viel schreiben aber ich glaube es ist deutlich geworden wo hier die Unterschiede liegen. Ich merke immer wieder was für belanglose Probleme ich in Deutschland eigentlich habe und wie privilegiert ich bin. Ich musste mir noch nie Gedanken darüber machen ob ich genug Geld für den Tag zusammenkriege und für viele Menschen hier ist das die Realität und das tut mir weh. Ich kenne hier Menschen, die nicht mal zum Arzt gehen, weil sie die Kosten für Medikamente sowieso nicht aufbringen könnten und erschreckt mich und macht mich traurig. Niemand sollte so leben müssen. Mit dieser täglichen Ungewissheit und der Angst sich und seine Familie nicht mehr versorgen zu können.



Kommentare