Reisetagebuch Teil 6 (aufregende Busfahrt) 🚌
- Nora Klammt
- 27. Juli 2024
- 6 Min. Lesezeit
Samstag, 18.05.2024
Gestern saßen Margarethe und ich den ganzen Tag im Bus, weil wir von Arusha nach Mwanza gefahren sind. Jetzt sind wir wieder bei Julius, einem anderen Freiwilligen. Auch Robin ist übers Wochenende hergekommen. Er wohnt ja bei uns in der Nähe und deswegen fahren wir am Sonntag Abend mit ihm zurück über den Viktoriasee nach Kemondo.
Eigentlich würde man denken, dass eine mehrstündige Busfahrt nicht wirklich interessant ist, aber die von Margarethe und mir gestern war es definitiv. Wir saßen seit gestern morgen den ganzen Tag im Bus. 12 Stunden Fahrt lagen von uns und wir hatten uns extra für ein verhältnismäßig gutes Busunternehmen entschieden, wo die Sitze auch bequem aussahen. Ich saß am Fenster und habe erst ein bisschen geschlafen bis irgendwann langsam die Sonne aufging und wir auf einer Straße fuhren wo links und rechts nur weite Steppe war. Aus dem Busfenster sah ich einige Zebras und Gnus, die in den frühen Morgenstunden unterwegs waren. Als ich so langsam immer wacher wurde, fiel Margarethe und mir auf, dass jeder hier einen festen Sitzplatz hatte, außer ein jüngerer Mann, der im vorderen Bereich des Busses stand. Da Margarethe den Platz am Gang hatte, guckte sie sich ihn genauer an und stellte fest, dass er Handschellen trug. Ich dachte erst, dass das ein Witz gewesen war, aber dann sah auch ich die Handschellen. Margarethe und ich saßen relativ weit hinten im Bus und nach einiger Zeit kam der Mann mit den Handschellen auch auf unsere Höhe. Er machte einen sympathischen Eindruck und als wir sahen, dass er ein kleines Handy in der Hand hatte waren wir schon etwas beruhigter. Wir reimten uns zusammen, dass das vielleicht seine Entlassungsfahrt sei und er deswegen schon ein Handy benutzen durfte. Während er an seinem Handy noch rumspielte, verteilte eine Frau vom Busunternehmen Becher mit warmer Milch. Als sie dem Mann mit den Handschellen einen gab, fragte dieser Margarethe ob sie ihn kurz halten könnte. Schließlich waren seine Hände an den Handgelenken befestigt und er schien gerade noch mit seinem Handy beschäftigt zu sein. Margarethe hielt also den Becher mit der heißen Milch, die irgendwann schon ziemlich ausgekühlt war. Ich warf ihm einen Blick zu und deutete auf sein Becher und er nickte. Dann beachteten wir den Typ nicht weiter und bekamen zwischendurch nur noch mit, dass er sich von einem Mann, der hinter uns saß ein Handyakku lieh und mit jemanden telefonierte. Er stand die ganze Zeit neben uns im Gang und irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit nahm er Margarethe dann auch den Becher mit der mittlerweile kalten Milch ab. Er bedankte sich auf Swahili fürs Halten und als er merkte, dass ich auch etwas Swahili spreche unterhielten wir uns kurz. Er war wirklich freundlich und wir fragten uns wieso es diese Handschellen trug. Gegen 12 Uhr machten wir dann eine Mittagspause und damit Margarethe und ich eine Orientierung hatten wann der Bus weiterfahren würde schauten wir uns immer mal wieder um damit wir nachsehen konnten ob unser „Freund“ mit den Handschellen auch noch draußen oder schon eingestiegen war. Als es weiter ging bekam jeder noch eine Wasserflasche vom Busunternehmen und die Fahrt ging weiter durch endlose Steppe unter der Mittagshitze. Nach einiger Zeit, also vielleicht so eine Stunde nach der Pause, hielt der Bus wieder, nur diesmal mitten auf der Strecke. Wir fragten uns, warum wir wieder stehen und hofften, dass es kein Motorschaden oder sonst etwas war, dass unsere Ankunft nach hinten rauszögern würde. Ich beobachtete durchs Fenster, dass jemand ausstieg und erkannte den Mann wieder, denn es war unser Freund mit den Handschellen. Der hatte eindeutig einen Wiedererkennungseffekt. Mit ihm stieg aber auch noch ein weiterer Mann aus, der anscheinend der Aufpasser von ihm war und im Gegensatz zu ihm einen Sitzplatz im vorderen Teil des Busses hatte. Da ich die bessere Sicht aus dem Fenster hatte, berichtete ich Margarethe was da draußen gerade passierte. Die beiden Männer liefen am Bus vorbei und als unser Freund mit den Handschellen kurz hinter dem Bus stehenblieb und begann seine Hose zu öffnen schaute ich weg. Anscheinend hatten wir gehalten, weil er auf Klo musste. Der Aufpasser stand mit ein wenig Abstand daneben und alle Insassen warteten darauf, dass es weitergehen konnte. Doch auf einmal schauten alle hastig aus dem Fenster auf meiner Seite und als auch ich hinausguckte sah ich, wie der Mann mit den Handschellen wegrannte. Er rannte einfach in die unendliche Steppe und nach einer Sekunde hatte es auch der Aufpasser begriffen und nahm die Verfolgung auf. Ich begriff nicht ganz was da gerade passierte und erinnerte mich daran, dass der Mann der wegrannte eine dicke Jacke trug und seine Hände ja auch augenscheinlich gefesselt waren. In seinen Händen hatte er auch noch die Wasserflasche die vorher an jeden verteilt wurde. Und das krasseste war eigentlich, dass er barfuß war. Ich weiß nicht, ob das vorher schon eine Art Sicherheitsmaßnahme war, damit er nicht ausbüxt, aber jetzt rannte er barfuß über die Steppe mitten ins Nichts. Der Boden war etwas sandig und ein paar kleine Sträucher wuchsen dort. Man konnte sehr weit gucken und die beiden Männer wurden am Horizont immer kleiner. Im laufe der nächsten 10 Minuten entschieden sich noch 3 weitere Männer die Verfolgung aufzunehmen und rannten los. Ja und so standen wir dann mitten im nirgendwo, natürlich ohne Netz und ohne Plan, was als Nächstes passieren würde. Jetzt hieß es erstmal warten. Wir stiegen auch mit aus und ich sah dann selbst mit eigenen Augen wie viele Dornen sich hier auf Bodenhöhe befanden. Und genau hier war vor nur wenigen Sekunden der Mann mit den Handschellen barfuß langgelaufen. Wir warteten eine Stunde und dann zwei, bis wir schließlich irgendwann ein paar winzige Punkte am Horizont wahrnehmen konnten. Alle Männer kamen nach und nach wieder zurück, außer der Mann mit den Handschellen, der weggelaufen war. Er war von allen auch der jüngste und sportlichste und hatte auch etwas Vorsprung gehabt. Ja und jetzt waren sie ganz verschwitzt wieder hier und erzählten mit einigen auf Swahili. Ein freundlicher Mann fragte uns dann ob wir die Situation verstanden hatten und beantwortete uns unsere Fragen noch auf Englisch. Wie wir dann herausfanden, war der Mann mit den Handschellen, der weggerannt war, ein Sexualstraftäter. Der saß anscheinend seit einiger Zeit im Gefängnis in Mwanza, also in der Stadt, wo wir gerade hinfuhren. Nur hatte es der Verbrecher geschafft aus dem Gefängnis in Mwanza auszubrechen und flüchtete. Auf seiner Flucht wurde er dann aber wieder gefasst und sollte jetzt gerade mit dem Bus wieder zurück zu dem Gefängnis in Mwanza gebracht werden. Gut, das hatte wohl nicht so ganz geklappt. Als ich fragte,
wie es weitergeht erwiderte der Mann nur, dass sie den Ausbrecher nicht mehr gefasst haben und wir gerade auf die Polizei warten. Nach einer gefühlten Ewigkeit traf diese auch ein und ein paar Männer machten eine Aussage. Und dann fuhren wir auch schon weiter, allerdings ohne den Mann mit den Handschellen. Der war jetzt schließlich irgendwo in das unendliche Land reingerannt. Barfuß, dick angezogen und mit gefesselten Handgelenk in der Mittagshitze um sein Leben rennend. Es war ein ganz komisches Gefühl dann weiter zu fahren und zu wissen, dass er jetzt wieder auf freiem Fuß ist. Der Mann hatte so nett gewirkt, aber in Wirklichkeit hatte er wohl mehrere minderjährige Mädchen vergewaltigt. Wieso er ein Handy bei sich hatte konnte sich keiner erklären. Wir vermuteten dann, dass er als er zuvor telefoniert hatte, mit jemanden gesprochen hatte, der ihm möglicherweise bei der Flucht helfen sollte. Ich finde es überraschend und erschreckend zugleich, dass ein solcher Straftäter in einem öffentlichen Bus transportiert wird und dann auch noch aussteigen darf. Zwar mit einem Aufpasser, aber dieser hat ja augenscheinlich nicht gut genug aufgepasst. In Deutschland würde es niemals zu solch einer Situation kommen und ich habe auch lange überlegt, ob ich diese Geschichte hier teilen soll. Denn irgendwo bestätigt sie das Klischee von Kriminalität auf dem afrikanischen Kontinent und dass es hier unsicher sei. Trotzdem war es ein Erlebnis, das ich so schnell nicht vergessen werde und was ich deswegen gerne hier teilen wollte. Andere stecken mit dem Bus auf der Strecke fest wegen eines Unfalls oder eines Motorschades und wir, weil ein Gefangener weggerannt ist.
Das Wochenende haben wir dann mit Robin und Julius in Mwanza verbracht und am Sonntag Abend ging es dann wieder zurück nach Kemondo und ins Nikolaushaus.




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