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Das Verständnis der Zeit 🕰️

  • Autorenbild: Nora Klammt
    Nora Klammt
  • 11. Mai 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Die Menschen in Tansania leben mit der Sonne. Die Zeitrechnung beginnt bei Sonnenaufgang, sozusagen mit der Stunde 0 (6 Uhr morgens). Dementsprechend ist 7 Uhr hier Stunde 1 („saa moja“). So geht das immer weiter bis man bei Stunde 12 (bei uns 18 Uhr) angekommen ist. Dann wird wieder bei 1 angefangen zu zählen. Von den Stunden 1 bis 12 gibt es also immer 2, einmal am Morgen und einmal am Abend. Stunde 1 morgens („saa moja asubuhi“) = 7 Uhr bei uns uns Stunde eins abends („saa moja jioni“) = 19 Uhr bei uns. Dieses Konzept hat mich am Anfang total verwirrt aber man muss einfach immer zu unserer Zeit 6 Stunden addieren oder subtrahieren. Zeigt der kleine Zeiger der Uhr auf die drei, addiere ich hier im Kopf sechs und nach tansanischer Zeit komme ich auf 3 + 6 = 9, also Stunde 9 („saa tisa“). Andernfalls kann man auch genau die entgegengesetzte Zahl auf der Uhr ablesen. Wenn der Zeiger also auf der 3 steht liegt genau auf der gegenüberliegenden Seite 9 also Stunde 9. Vielleicht etwas verwirrend aber einfach Gewöhnungssache. Touristen gegenüber benutzt man für gewöhnlich auch die westlichen Zeitangaben.


Es ist wirklich üblich 6 Uhr mit den ersten Sonnenstrahlen aufzustehen, vor allem in den heißeren Regionen wo es gegen Mittag richtig warm wird und man seine Arbeit pausieren muss. Abends gegen 19 Uhr, wenn die Sonne untergeht, kommt man meistens nach Hause. Hier geht, anders als zum Beispiel in Deutschland, das ganze Jahr über die Sonne immer zur gleichen Uhrzeit auf und unter. Nach Sonnenuntergang ist es draußen dann oft stockdunkel und man kann eh nicht mehr viel machen. Der Tag wird also durch den Lauf der Sonne strukturiert und nicht durch Uhrzeiten, Verpflichtungen oder Öffnungszeiten.

Für die Tansanier ist Zeit ein wertvolles Gut. Es gilt als unhöflich keine Zeit oder Zeitdruck zu haben. Man nimmt sich in täglichen Situationen viel Zeit um seinem jeweiligen Gegenüber Respekt zu zeigen, z.B. in Form von Grußritualen. Ich habe das Gefühl, dass selbst wenn es ein Tansanier eilig hat, das Grüßen anderer oder gar kurze Konversationen nicht fehlen dürfen. Es wirkt auf mich so als hätte das Respekt zeigen in Form von sich füreinander Zeit zu nehmen Vorrang vor Pünktlichkeit.

Ich sehe zwar immer wieder viele Menschen mit einer Armbanduhr, aber habe zunehmend das Gefühl, dass diese eher als ein Statussymbol denn ein Zeitmesser fungieren.


Pünktlich kommen und gehen meistens nur die Menschen, die mit Touristen zu tun haben. Ansonsten hat nahezu jeder Tansanier Verständnis für Verspätungen. Diese Befreiung vom Zwang der Zeit war und ist für mich teilweise sehr ungewohnt, kann aber auch etwas positives haben. Entscheidend ist hier oft nicht wie schnell etwas getan wird, sondern dass es überhaupt getan wird. Stundenlang wartet man am Bahnhof, beim Arzt oder bei Behörden. Es ist ein seelenruhiges Warten mit dem Vertrauen darauf, dass das Warten irgendwann ein Ende hat. Wie oft saß ich schon irgendwo rum und ärgerte mich darüber, dass ich gerade nichts „sinnvolles“ tun kann. Mein deutsches Denken, keine Zeit zu „verschwenden“. An dieses ewige Warten muss man sich echt erstmal gewöhnen.

Wenn der Bus mal eine Panne hat, hocken die Passagiere geduldig am Straßenrand bis Ersatzteile geliefert werden, notfalls auch bis tief in die Nacht. Das Motto hier: Dinge dauern einfach so lange, wie sie dauern.


Ungeduld und keine Zeit zu haben betrachten Tansanier als eine Unart ebenso wie Pünktlichkeit. Pünktlich zu einem Termin zu erscheinen oder Menschen aus Höflichkeit nich warten zu lassen, wirkt beides auf Tansanier befremdlich und erzeugt Unbehagen. Verabredet man sich zu einer bestimmten Zeit (was auch eher unüblich ist, da man meistens morgens mittags oder abends sagt) ist es normal, eine gute Stunde zu spät zu kommen. Veranstaltungen, egal ob im Familienkreis oder bei offiziellen Anlässen, beginnen oft später als geplant war. Zeitangaben sind also eher ungefähr. Ich persönlich habe es noch nicht erlebt, dass ich irgendwo pünktlich sein musste aber bestimmt gibt es hier auch Ausnahmen.


Im traditionellen tansanischen Zeitbegriff gibt es übrigens sogar nur zwei Zeitformen, die Gegenwart die Vergangenheit. Die Zukunft also Ereignisse, der noch nie stattgefunden haben oder gar die Möglichkeitsform, dass etwas getan werden könnte, ist hier vielen Menschen fremd. In Swahili gibt es zwar die Zukunftsform, doch Formulierungen wie „ich würde“ oder „ich hätte“ werden nicht verstanden und führen oft zu Missverständnissen. Es ist auch fast unmöglich eine konkrete Zeitangabe für die Zukunft zu bekommen. Auf die Frage, wann der Zug ankomme, erhält man die Antwort „baado“ (bald) oder „labda leo“ (vielleicht noch heute). Auf manchen Fahrplänen steht sogar oft das Wort „muda“ und 2 Zahlen was übersetzt Zeitspanne heißt und bedeutet, dass in einer gewissen Zeitspanne mit beispielsweise dem Zug zu rechnen ist. Planen ist hier also äußerst schwierig. Im Großen und Ganzen sind Züge, Busse oder Flüge dennoch relativ pünktlich. Aber Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.


Ich genieße es sehr hier zu leben. Hier in Tansania, aber auch im hier und jetzt. Die Menschen hier leben bewusst im Heute, weil das morgen ja gerade noch nicht ist. Diese Einstellung finde ich interessant aber auch irgendwo beneidenswert. Wie oft mache ich mir Gedanken, was in der Zukunft alles noch passieren wird und vergesse dabei die Realität wertzuschätzen.


Was auch zeigt, dass viele Menschen hier im Moment leben, ist die Tatsache, dass man immer nur so viel Geld besitzt, wie man gerade zum Leben braucht. Geld horten oder für bestimmte Anschaffungen Geld zur Seite zu legen, ist den meisten Tansaniern fremd. Die wenigsten verfügen über ein Konto. Es wird nichts gespart, was auch dem geschuldet ist, dass die meisten Menschen nur so viel verdienen, dass es dafür reicht sich und seine Familie über Wasser zu halten. Natürlich gibt es auch wohlhabende Menschen in Tansania, aber von diesen habe ich bisher nicht viele kennengelernt weswegen ich über sie weniger berichten kann.


Ich habe zwar gesagt, dass hier ein geruhsamer Lebensrhythmus herrscht, aber ich will nicht behaupten, dass die Leute hier keinen Stress haben. Einige haben eine Menge Stress, was daher kommt, dass viele Menschen ohne sichere Arbeitsverhältnisse und ohne sicheres Einkommen leben. Darum wird auch das Handy abgeschaltet und Ohren und Augen sind immer offen für mögliche Job-Angebote oder kleine Nebenverdienste.


Ich hoffe, dass ich zurück im Deutschland auch immer wieder an die Gelassenheit so mancher Tansanier zurückdenke und mich daran erinnere, dass man nicht immer alles planen muss. In manchen Momenten eher nach den Motti „pole pole“ („Langsam, immer mit der Ruhe“) und „Hamna shida“ („Alles kein Problem!) leben.

 
 
 

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