Einkaufen und Verhandeln 👛
- Nora Klammt
- 25. Mai 2024
- 4 Min. Lesezeit
Große Supermärkte, wie ich sie aus Deutschland kenne, existieren nur in den größeren tansanischen Städten wie Dar es Salaam, Moshi oder Arusha. Der durchschnittliche Tansanier geht dort allerdings er selten einkaufen weil die Preise in der Regel höher sind und er von vielen Produkten nicht weiß, wofür sie gut sind.
Es gibt kleine Supermärkte die einem deutschen Kiosk ähneln, aber auch dort wird selten eingekauft. Hier ist es geläufiger auf dem Markt (soko) oder bei kleinen Läden (duka) einzukaufen. Und wenn es keine kleinen Läden gibt, so steht wenigstens irgendwo ein Straßenhändler. Es passiert nicht selten, dass mir auf einem kurzen Stück Weg mehrere Händler entgegenkommen. Oft sind es Männer mit Boxen in der Hand in denen sich Erdnüsse befinden, andere tragen Körbe auf ihren Köpfen in denen sich Schmuck oder Nagellack befinden.
Die Waren des täglichen Lebens finden die Tansanier also meistens direkt vor ihrer Haustür. Das ist auch sehr praktisch, da viele Menschen hier anstatt eines großen Wocheneinkaufs eher jeden oder jeden zweiten Tag einen kleinen Einkauf machen. Das hängt oft auch damit zusammen, dass viele Haushalte keinen Kühlschrank besitzen, der die Lebensmittel länger haltbar macht. Deswegen wird eigentlich immer frisch gekocht.
Kurzer Sidefact am Rande: In Restaurants ist die Tatsache, dass bei mehreren Leuten das bestellte Essen nicht zeitgleich kommt ein guter Beweis dafür, dass es frisch zubereitet wurde. Bekommen alle gleichzeitig kann man davon ausgehen, dass es nur nochmal erwärmt wurde. Natürlich ist es trotzdem ungewohnt, wenn alle zu verschiedenen Zeiten anfangen zu essen aber das ist hier kein Problem.
Ich finde es wirklich verrückt, denn irgendwie hat hier fast jeder ein „Small Business“. Oft sind es eben diese kleinen Läden, die aus einem winzigen Raum bestehen der aussieht wie eine kleine Gerade mit Tresen in der Öffnung. Dort kann man z.B. ein bisschen Obst und Gewürze kaufen. Im nächsten Laden gibt es dann Batterien, Kleber und Nähgarn und in manchen findest du auch diverse Ware bunt gemischt. Manchmal ist so ein Geschäft auch nur eine Plane auf dem Boden, auf der die Ware ausgelegt wird. Ich frage mich manchmal wie sich diese Geschäfte am Leben erhalten können zumal Regen auch oft bedeutet, dass sie garnicht erst „aufmachen“. Generell liegt es im Ermessen der Ladenbesitzer zu öffnen und zu schließen, wann sie vollen.
Während in der Stadt gegen Geld fast alle Güter erhältlich sind, sind die Einkaufsmöglichkeiten auf dem Land wesentlich eingeschränkter. Hier gibt es nur kleine maduka (Läden), die auch nur die notwendigsten Lebensmittel verkaufen. Uhren, Töpfe, T-Shirts, Schulhefte oder Schuhe werden von Handelsreisenden angeboten. Kunstvoll stapeln sie die Ware auf ihren Fahrrädern oder balancieren die Taschen auf Schultern und Rücken und ziehen so von Dorf zu Dorf.
In ländlichen und abgelegenen Gegenden werden zudem Markttage abgehalten. Ein oder zweimal pro Woche kommen die Händler und verkaufen an verkehrstechnisch günstig gelegenen Orten ihre Waren. Für die Bevölkerung ist der wöchentliche Markt oft die einzige Möglichkeit, sich mit dem notwendigsten einzudecken. Von Mais und Bohnen über Geschirr bis hin zu Secondhanduhren und Sandalen kann man hier alles kaufen. Die Händler kommen in der Regel ohne Ladentische und die Ware wird einfach auf dem Boden ausgebreitet und anschließend lautstark angepriesen.
Handeln und Feilschen gehört in Tansania sehr oft dazu. Man kann davon ausgehen, dass das erste Preisangebot heillos übertrieben ist. Der Käufer gibt sein erstes Gebot ab, dass im Normalfall mindestens 50 % über dem Aufgerufenen liegt. Dann nähren sich Interessent und Händler dem endgültigen Verkaufspreis an. Vor allem ich als Weiße mache oft die Erfahrung, dass mir ein utopisch hoher Preis genannt wird, der auch nicht verhandelbar ist. Zumindest wird mir das so lange gesagt bis ich zu verstehen gebe, dass ich die Preise hier mittlerweile ganz gut einschätzen kann. Am Anfang war mir das sogar teilweise ein bisschen unangenehm mit dem Preis zu verhandeln vor allem dann, wenn der zuerst genannte Preis für deutsche Verhältnisse vollkommen gerechtfertigt war. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt und rede mit dem Verkäufer am besten gleich auf Swahili sodass er sich vielleicht garnicht erst traut einen Weißen-Preis zu machen.
Ein großes Problem ist vielerorts die drittklassige Qualität der Waren. Beispielsweise werden Baumaterialien und die Ausstattung für touristische Einrichtungen wie Hotels vorzugsweise im Ausland eingekauft, insbesondere in Kenia, Südafrika oder gar Mauritius und Dubai. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit in den hohen Temperaturen halten tansanische Materialien gerade einmal eine Touristensaison aus, danach müssen sie ersetzt werden. Das einzige was wirklich unverwüstlich, ist sind chinesische und indische Plastik- und Synthetikprodukte wie Schuhe, Flipflops, Geschirr und Ähnliches. Diese Güter halten lange und sind deswegen bei dem Einheimischen auch sehr beliebt.
Aber auch, wenn viel Ware aus dem Ausland kommt und häufig auch secondhand Ware ist, wird hier sein bestes gegeben um diese wieder wie neu aussehen zu lassen. Kleidung wird mehrfach gereinigt und Schuhe gründlich gebürstet, bis sie wieder glänzen und wie neu aussehen.
Was ich irgendwie auch krass finde ist, dass die Klamotten, die auf dem Markt verkauft werden, oft die Sachen sind, die wir z.B. in Deutschland in den Kleiderkontainer als Spende werfen. Hier müssen die Menschen dafür aber wieder Geld ausgeben, was sich viele auch einfach nicht leisten können. Das finde ich sehr traurig und erschreckend.
Mit dem stetigen Wohlstand in gewissen Bevölkerungsschichten ändert sich auch das Konsumverhalten, doch das Ausmaß, wie es in Deutschland z.B. ist hat es bis dato hier noch nicht angenommen. Wer mehr verdient, gib verständlicherweise auch mehr Geld aus. Ich habe festgestellt, dass sich die Menschen hier gewisse Konsumgüter und/oder Statussymbole rausgesucht haben. (Tansania steht also zwischen Tradition und Fortschritt). Es werden Statussymbole wie Mobiltelefone, Schmuck, Handtaschen oder ein bescheidener Mittelklassewagen gekauft. Doch dieser Konsumdruck, wie man ihn Europa kennt, kommt hier kaum zu Stande. Einerseits steht nur wenig Ware zum Verkauf und andererseits gibt es kaum entsprechende Aktivitäten von Medien und Werbung. Was auch verhindert, dass man zu sehr in ein gestörtes Konsumverhalten hineinrutscht ist das tansanische Mindset. In der Regel kaufen Tansanier nur dann etwas Neues, wenn das alte Stück kaputt oder unbrauchbar geworden ist. Und dabei will ich nochmal kurz festhalten, dass unsere Definition von unbrauchbar und kaputt möglicherweise eine andere ist, als von den Menschen hier.
Ich glaube einige Ausländer empfinden diesen fehlenden Konsumdruck beispielsweise bei Markenkleidung als schlecht und kritisieren den fehlenden Standard. Andere wiederum könnten das vielleicht auch als befreiend empfinden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mir nach einer gewissen Eingewöhnungsphase kaum Güter wirklich gefehlt haben. Hin und wieder hätte ich mir eine gute Schokolade gewünscht, doch im Grunde macht gerade die Reduktion auf die wesentlichen Dinge des Leben in Tansania einfach und unkompliziert.



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