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Kleidung 🧵

  • Autorenbild: Nora Klammt
    Nora Klammt
  • 15. Juni 2024
  • 4 Min. Lesezeit

In Tansania ist es wichtig angemessene Kleidung zu tragen was auch ein äußerliches Zeichen von Respekt ist. Sowohl an der muslimisch geprägten Küste als auch im christlich dominierten Landesinnern wird ordentliche Kleidung erwartet. Das bedeutet, dass man sowohl Schultern und Knie bedecken sollte. Auch sehr enge Hosen oder tiefe Ausschnitte gelten als unangemessen. Für mich war das am Anfang auch eine echte Umstellung aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Frauen tragen in der Regel vor allem Kleider und Röcke, wohingegen man Hosen eher selten sieht.


Das wohl typischste Kleidungsstück des Landes ist der „Kanga“. Das ist ein bunt bedrucktes Baumwolltuch mit den Maßen 1,50 x 1m das immer im Paar verkauft wird. Der Kanga wird von Frauen in jeder Alters-, Gesellschafts- und Einkommensklasse getragen. Typischerweise binden sich Frauen einen Kanga um die Hüften wie eine Art Rock, seltener wir das Tuch auch oberhalb der Brust zugeknotet. Hier auf dem Gelände tragen die Mitarbeiterinnen auch so gut wie immer einen bunten Kanga. Ob beim kochen, putzen oder bei der Arbeit im Kindergarten - ein Kanga ist immer dabei. Ich besitze übrigens auch schon einige Kangas. Es ist aber mehr als nur ein buntes Stofftuch, was um die Hüften gebunden wird. Es werden beispielsweise auch Kinder darin transportiert indem man sich das Kind auf den Rücken legt und den Kanga mit einer bestimmten Technik vor der Brust zusammenbindet. Andere falten das Stofftuch und legen es sich auf ihren Kopf um dann schwere Lasten darauf transportieren zu können.

Einen Kanga zieren übrigens nicht nur wunderschöne bunte Muster sondern immer auch Sinnsprüche. Auf jedem Kanga ist ein solcher Spruch aufgedruckt, der eine indirekte Botschaft darstellt. Die Botschaften und poetischen Sinnsprüche in Swahili auf den Kangas ermöglichen es den Tansanierinnen Tabuthemen im zwischenmenschlichen Bereich anzusprechen ohne explizit darüber reden zu müssen. Viele Kangas haben auch religiöse Sprüche aufgedruckt. Auf meinem einem Kanga steht beispielsweise „Kila mwanminifu mungu humpa nafasi“ was übersetzt bedeutet „Gott gibt jedem gläubigen Menschen eine Chance“. Zugegeben habe ich den Kanga nicht wegen des Spruches sondern vielmehr aufgrund des Musters ausgewählt, aber gut. Als ich ihn hier im Nikolaushaus zum ersten Mal getragen habe habe ich bemerkt, wie einige Mamas neugierig wurden und diesen Spruch lesen wollten.


Gebärenden Frauen werden beispielsweise von der Schwiegermutter Kangas geschenkt auf denen Sprüche stehen, die ihnen gute Ratschläge für die Erziehung der Kinder oder die Ehe geben. Männer, die sich bei ihrer Frau entschuldigen wollen, schenken als Wiedergutmachung Kangas mit der Aufschrift Mpenzi uwe radhi („Liebling, es tut mir leid“). Die Kangas mit ihren unterschiedlichen Sprüchen kann man also in verschiedenen Situationen gebrauchen.

Für viele Frauen sind die Kangas außerdem auch ein Prestigeobjekt. Jede Frau möchte so viele dieser Tücher wie möglich besitzen. Zu besonderen Anlässen achtet man auch darauf möglichst einen neuen Kanga zu tragen. Diese Tücher sind auch wie eine Wertanlage, denn ist man mal in Geldnöten, verkauft man einfach den ein oder anderen Kanga.


Neben dem Kanga gibt es auch den Kitenge. Das ist auch ein bunter Baumwollstoff nur ohne einen Spruch. Dieser Stoff ist Meterware und wird etwas fester als der Kitenge gewebt. Die tansanischen Frauen kaufen diesen Stoff gerne ein um sich anschließend von Schneidern prachtvolle Kleider daraus nähen zu lassen. Auch wenn es Geschäfte gibt, in denen Kleider westlicher Machart verkauft werden, greifen viele Tansanierinnen doch zur  traditionellen Landestracht. Auch ich habe mir hier schon einige Kleider schneidern lassen. Das war echt cool, denn man kann der Schneiderin genau erklären wie das Kleid geschnitten sein soll und hat dann ein richtiges Unikat.


Wenn man es sich nicht leisten kann sich bei einer Schneiderin etwas nähen zu lassen, wird auch gern mal eins der chinesischen oder indischen Synthetikkleider von der Stange gekauft. Und auch wenn dafür das Geld zu knapp ist, hat man hier einen Anspruch: für Feierlichkeiten und besondere Anlässe muss die Kleidung sauber und ordentlich sein. Im Alltag beobachte ich es auch häufiger, dass löchrige und etwas beschmutze Kleidung von einigen getragen wird. aber zum Beispiel für den Kirchgang wird sich sehr herausgeputzt. Frauen und auch schon kleine Mädchen tragen oft Absatzschuhe und ausladende Kleider die auch gerne mal mit Glitzer, Spitze und Rüschen verziert sind. Auch Kopfbedeckungen sieht man oft bei Frauen und auch Kangas werden in der Kirche umgebunden. Männer sieht man zu solchen Anlässen oft in Bundfaltenhosen und langärmeligen Hemden die auch manchmal aus den bunten Kangas geschneidert wurden. Auch die kleinen Jungen sehe ich in der Kirche mit sehr ordentlicher Kleidung. Einmal musste ich Schmunzeln, denn der eine Junge trug an einem Sonntag in der Kirche eine rotes T-Shirt mit einem Aufdruck der Biermarke Astra. Vermutlich war dieses Astra T-Shirt das ordentlichste im Kleiderschrank und wurde deswegen getragen.

Es ist übrigens auch keine Seltenheit, dass Menschen hier Klamotten mit deutschen Aufdrucken tragen. T-shirts, auf denen Werbesprüche von Banken aufgedruckt sind, welche mit Aufdruck aus der Bundesliga und so weiter laufen mir immer wieder über den Weg. Das liegt daran, dass die Secondhandkleidung hier natürlich billiger als Ware der einheimischen Textilindustrie ist. Die Secondhandkleidung die es hier gibt stammt aus vermeintlich karitativen Altkleidersammlungen aus dem Westen. Die gebrauchten und zu Ballen gepressten Sachen, die wir zum Beispiel zuhause in den Container werfen, werden nach Tansania verschifft und hier verkauft, anstatt dass sie an Bedürftige verschenkt werden. Sie müssen also auch käuflich erworben werden, was sich einige nicht leisten können. Und die Menschen, die die finanziellen Mittel haben, greifen dann natürlich eher zu den Secondhandkleidern aus dem Westen als mehr Geld für Ware aus der einheimischen Produktion auszugeben. Das ist wiederum nicht gut für die Textilindustrie hier vor Ort. In Tansania gibt es zwar den Rohstoff Baumwolle, aber die heimische Textilindustrie kann mit den Preisen der Secondhandläden nicht mithalten. Ich finde das echt erschreckend zu hören. Ich habe auch zu viele Jahre in dem Glauben gelebt, dass die Altkleidercontainer wirklich Spenden sind. Ich sehe hier Stände wo genau diese Ware verkauft wird und Kunden, die sich dann zweimal überlegen, ob sie sich das wirklich leisten können.











 
 
 

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