top of page

Meine Gedanken 💭

  • Autorenbild: Nora Klammt
    Nora Klammt
  • 4. Mai 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Auf die Frage „Und wie ist es so in Afrika?“ würde ich am liebsten immer die Gegenfrage stellen:

Wie ist es gerade so in Europa?

Leider passiert es viel zu häufig, dass von dem Kontinent Afrika die Rede ist, dabei bieten seine 54 Länder so eine Vielfalt, dass es in meinen Augen abwertend ist, hier so zu pauschalisieren.

Wie willst du in einem Satz zusammen fassen, wie es gerade in Europa so ist? Vom Nordkap bis nach Kreta, von Portugal bis nach Russland. Garnicht, genau und deswegen will ich nochmal sagen, dass ich in Tansania bin und nicht für ganz Afrika sprechen kann. Trotzdem werde ich auch nie in der Lage sein über das ganze Land Tansania zu reden, was so facettenreich ist. Ich kann auch nur in Ansätzen Deutschland und Tansania miteinander vergleichen aber ich möchte hier vor allem meine persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen in diesen beiden Ländern teilen.

Ich habe mir vorher selten bis nie Gedanken darüber gemacht wie ich zu Deutschland stehe. Ich bin und war schon immer Deutsche, aber habe das so angenommen und in meinem Alltag hat das oft keine Rolle gespielt. Bis ich herkam.

Hier werde ich mit meiner Herkunft nahezu täglich konfrontiert. Ich werde „Mzungu“ (Swahili für Weiße) gerufen und dadurch immer wieder daran erinnert, dass ich anders aussehe. Dieses ständige Auffallen kann auf Dauer echt anstrengend sein und vor allem die damit verbunden Vorurteile und Annahmen.

Menschen gehen davon aus, dass ich reich bin und mir alles kaufen kann. Hoffen darauf, dass ich sie heirate und mit nach Deutschland nehme und und und. Das verdeutlicht mir immer wieder, daß Unwissen und dass Weiße oft in einen Topf geworfen werden. Natürlich glauben nicht alle Menschen hier diese Vorurteile, aber ich erfahre es schon sehr häufig. Mich macht das sauer und traurig, weil ich in eine Schublade gesteckt werde, in die ich nicht rein möchte. Mir werden Sachen unterstellt, die nicht zutreffen. Trotzdem fällt mir auf, dass viele Menschen hier allerdings überwiegend positive Annahmen mir gegenüber haben, wie z.B. dass ich Geld habe etc.

Schwarze Menschen in Deutschland werden aber überwiegend mit negativen Vorurteilen konfrontiert, wie z.B., dass die kriminell sind.

Europäer und somit auch Deutsche unterstützen Vorurteile gegenüber dem afrikanischen Kontinent und seiner Bevölkerung. Zum Beispiel: In Afrika sind alle arm. Alle leben in Lehmhütten. In Afrika ist es immer heiß und es besteht hauptsächlich aus Wüste. Afrika ist gefährlich... Ich will nicht bestreiten, dass Aspekte davon zutreffen können, aber es ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Ich will verdeutlichen, dass nicht alles Schwarz/ Weiß ist. Afrika ist arm und reich. Heiß und kalt... und natürlich alles dazwischen!


Ich glaube ein großes Problem liegt darin, dass sich viele europäische Menschen oft selbst und ihr Denken als Maßstab setzten. Und dieser weiße Blick auf den Kontinent der dadurch entsteht macht mich sauer. Menschen wollen den afrikanischen Kontinent nach ihren Denkmustern von Entwicklung erziehen. Manche sind so gut darin ihr Denken als Maßstab für andere zu verwenden aber vergessen dabei, dass in vielen Bereichen ihre Ideen vielleicht nicht gebraucht werden. Menschen wollen dem Kontinent „helfen“ und denken, dass Freiwillige wie ich hier „helfen“. Ich finde das Wort „helfen“ schwierig, denn es impliziert, dass jemand Hilfe braucht. Im Beispiel mit mir als Freiwilliger in einem Kinderheim wären das also die Kinder, die meine Hilfe brauchen? Das ist doch verrückt. Das Nikolaushaus funktioniert auch ohne mich und ich bin nur zusätzlich hier. Ich spiele mit den Kindern, mache das Frühstück oder helfe beim waschen, aber all das würde auch ohne meine Hilfe ablaufen. In meiner Anfangszeit hier war sogar ich diejenige, die Hilfe brauchte. Ich wusste noch nicht wie hier alles abläuft und war auf die Hilfe der anderen angewiesen.

Wieso sind sich so viele Menschen so sicher, dass ihre Vorstellung die einzig richtige ist? Ich finde, dass viel zu oft aus den Augen verloren geht, was der afrikanische Kontinent und in meinem Beispiel das Land Tansania zu bieten hat. Ich erkenne in meinem Leben hier immer mehr Sachen, die mir an dieser Kultur gefallen und die mich mein Leben in Deutschland hinterfragen lassen. Zum Beispiel das Mindset vieler Menschen hier. Es wird immer versucht das positive in allem zu sehen und man fängt an sich über Kleinigkeiten zu freuen. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen in Deutschland zu hohe Erwartungen haben und so schnell enttäuscht werden. (Und manche meckern einfach gern und suchen immer bei anderen den Fehler). Es ist so viel wertvoller sich über die kleinen Dinge im Leben zu freuen. Ich bin sehr dankbar dafür hier sein zu dürfen und mir selbst mein Bild zu machen und für mein Leben zu lernen.

Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber ich würde sagen ich schäme mich manchmal auch ein bisschen dafür, dass ich ein anderes Leben mit mehr Privilegien und einer anderen Art von Luxus führe. Ich habe hier mein eigenes Zimmer und meine Privatsphäre, aber alle Kinder hier im Nikolaushaus werden nie ein eigenes Kinderzimmer haben, so wie ich es als Kind hatte. Teilweise schlafen sie zu Zehnt in einem Zimmer und auch Eigentum kennen sie so gut wie nicht. Vor allem die Kleineren besitzen nicht mal eigene Klamotten. Das beschäftigt mich schon sehr. Oder auch, dass ich mich hier an das Essen gewöhnen muss und wir regelmäßig Ketchup und Sojasauce kaufen um ein bisschen Abwechslung zu haben, während die Menschen hier auf dem Gelände sich sowas nicht leisten wollen und/oder können. Es ist mir sogar irgendwie peinlich, dass ich so einen Luxus gewöhnt bin, dass ich nicht jeden Tag nur Reis mit Bohnen essen will. Vor allem würde ich nicht sagen, dass ich das bessere oder glücklichere Leben führe, aber ich würde mir wünschen, dass jeder die gleichen Startbedingungen und die Chancen auf ein glückliches Leben hat.

Wenn ich gerade jetzt an Deutschland denke, kommen mir so viele Gedanken wo ich nur den Kopf schütteln kann. Mir wird auch immer wieder bewusst in welchem Überfluss wir in Deutschland leben. Dieses deutsche Mindset immer höher, schneller weiter zu sein kommt mir so absurd vor. So viele Menschen gucken nur auf sich und ihren Erfolg und geben sich selten mit etwas zufrieden. Man verliert den Wert der Dinge aus den Augen, weil man immer nach etwas vermeintlich besseren strebt. Ich hinterfrage jetzt wo ich hier bin sehr viel aus meinem Leben in Deutschland und genieße es hier zu sein und zu spüren, was mich wirklich glücklich macht und dass vieles aus Deutschland sehr fragwürdig ist.

Aber trotzdem darf man die positiven Aspekte nicht vergessen. Und das sind genau die, wo ich mir wünschen würde, dass jeder Mensch davon profitieren kann. Dass die Menschen hier nicht bis sie gefühlt tot umfallen arbeiten müssen, dass sie ein stabileres Gesundheitssystem haben und und und.

Ich will nicht urteilen und sagen welches Leben besser oder schlechter ist, weil ich glaube, dass man das so nicht sagen kann. Ich würde mir wünschen, dass einfach jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten im Leben hat. Und während ich das schreibe weiß ich wie unelastisch dieser Wunsch ist und deswegen versuche ich es realistischer zu halten. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht immer so in Gegensätzen und Extremen denken. Neben vielen Unterschieden zwischen Deutschland und Tansania gibt es auch einige Gemeinsamkeiten die leider oft aus dem Auge verloren gehen. Ich persönlich finde es auch wichtig, dass, wenn über die Unterschiede geredet wird, man versucht neutral darauf zu gucken. Man muss sich nicht immer entscheiden und sagen was besser oder schlechter ist, denn im Endeffekt haben beide Länder ihre Vor- und Nachteile. Ich finde es wichtig zu verstehen, wie vielfältig der Kontinent Afrika mit seinen unzählig vielen Länder, Kulturen, Hautfarben, Religionen, Küchen, Einkommen, Künsten und Landschaften ist. Ich bin gerade in Tansania und schon im Land selbst gibt es, je nachdem wo man sich befindet, einige kulturelle Unterschiede. Ich bin so dankbar für die Möglichkeit hier sein zu dürfen und durch eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen lernen zu dürfen.

Die nächsten Blogbeiträge möchte ich dazu nutzen um über bestimmte Themen zu berichten, die ich sehr interessant finde. Es wird zum Beispiel um die tansanische Küche, Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit hier oder um das Verständnis von Zeit gehen. In den Berichten versuche ich meine Wahrnehmung zu den verschieden Themen zu beschreiben und erhoffe mir damit ein bisschen Wissen zu verbreiten. Ich werde versuchen so wenig wie möglich zu verallgemeinern weil es nunmal nicht möglich ist über ganz Tansania zu schreiben, aber vielleicht versteht so der ein oder andere in Ansätzen wie Tansania so ist und dass sich andere afrikanische Länder von Tansania unterscheiden.

Ich freue mich über jeden einzelnen, der meine Blogbeiträge liest und hoffe durch die nächsten Beiträge noch ein bisschen mehr Wissen verbreiten zu können. Ich glaube das wichtigste ist zu verstehen, dass es nicht möglich ist Tansania oder auch andere afrikanische Länder anhand von westlichen Maßstäben verstehen zu wollen.


Wenn euch noch bestimmte Themen interessieren oder ihr generell fragen habt schreibt mir einfach einen Kommentar.


Bis nächstes mal!

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
Beitrag: Blog2_Post
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn

©2023 norAfrica. Erstellt mit Wix.com

bottom of page